Die Kulturgeschichte des Zuckers
Heute wird Zuckerrohr in Afrika, Asien, Südamerika und Australien angebaut. Die Zuckerrübe hingegen vorwiegend in Europa, aber auch in den USA, Kanada und anderen überseeischen Gebieten. Aber noch vor 200 Jahren galt Zucker als Luxusartikel.
Gehen Sie auf Entdeckungsreise durch die interessante Kulturgeschichte des Zuckers. Bilder mit freundlicher Genehmigung des Zucker-Museums Berlin.
327. v. Chr. - Ursprungsland Indien
Indien gilt als Ursprungsland des "süßen Grases". Zu welchem Zeitpunkt die Inder mit dem Anbau von Zuckerrohr begonnen haben und ab wann sie kristallisierten Zucker herstellen konnten, ist unbekannt. Erste Aufzeichnungen über das Zuckerrohr sind vom Indienfeldzug Alexanders des Großen 327 v.Chr. erhalten. Sein Admiral berichtet von einem indischen Rohr, "das Honig ohne Bienen gibt".
1100 - Entdeckung des "Weißen Salzes" für Europa
Von Indien aus verbreitet sich der Zuckerrohranbau nach China, Persien, Ägypten und Syrien. Europäische Kreuzfahrer entdecken um 1100 in der Nähe von Tripolis das Zuckerrohr. "Weißes Salz" oder nach seinem Ursprungsland " Indisches Salz" nennen sie ihre Entdeckung.
1205 - Süße Lyrik in Deutschland
In Deutschland verbreitet erst die Liebeslyrik der Minnesänger allmählich die Kunde vom süßen Stoff. Erstmals erwähnt wird Zucker in Wolfram von Eschenbachs "Parzival". Zucker ist im Mittelalter ebenso rar wie begehrt. Der zermahlene Zucker wird im Herstellerland in trichterförmige Gefäße, so genannte Zuckerhüte, gefüllt. Zuckerhüte zu besitzen, ist in dieser Zeit ein Privileg der Reichen.
1494 - Weltweit wichtigstes Handelsgut
Christoph Kolumbus bringt auf seiner zweiten Reise nach Amerika das Zuckerrohr aus Europa mit in die Neue Welt. Zahlreiche Zuckerplantagen, die den Sklavenhandel vorantreiben, entstehen in den neuen Kolonien. Die Schiffe, die den gewonnenen Zucker nach Europa liefern, bringen auf der Rückreise im Umweg über Afrika neue Sklaven für die Arbeit auf den Plantagen mit. Vom 16. bis 18. Jahrhundert gilt Zucker als wichtigstes Handelsgut auf dem neu entstandenen Weltmarkt.
1664 - Zuckerextravaganzen in Versailles
Die begehrte Süßigkeit gilt als Statussymbol des Feudaladels. Die polnische Königshochzeit in Warschau geht als außerordentliches Erlebnis in die Zuckergeschichte ein. Zwei Riesenzuckerhüte von je 3,30 Meter Höhe zieren die Tafel. Der Grund für diesen Lebensstil erklärt sich aus der Herkunftsstadt der jungen Königin: Paris. Der Tafelluxus und die Zuckerextravaganzen in Versailles gelten zu dieser Zeit in Prunk und Verschwendungssucht als unübertreffbar.
1747 - Entdeckung des Rübenzuckers
1747 gilt als das Geburtsjahr des Rübenzuckers in Europa. Der Apotheker und Chemiker Andreas Sigismund Marggraf entdeckt in Berlin den Zucker in der Rübe. Er stellt fest, dass zwischen dem weißen Rüben- und dem Rohrzucker kein chemischer Unterschied besteht. Den Zucker gewinnt er mittels Alkohol aus den Rüben. Ein Verfahren, das wegen seiner Kostspieligkeit für die industrielle Verwertung nicht in Betra
1791 - Zuckermangel
Am 23. August des Jahres 1791 kommt es zum Sklavenaufstand auf der von Spaniern und Franzosen besetzten Antilleninsel San Domingo, Hauptzuckerlieferant des europäischen Kontinents. Ein Zuckermangel stellt sich ein, der die Preise in der ganzen Welt sprunghaft ansteigen lässt. England verstärkt in der Folgezeit in Kuba und Jamaika den Zuckerrohranbau und nimmt bald eine Monopolstellung im Weltzuckerhandel ein.
1801 - Erste Rübenzuckerfabrik
Kurz vor der Jahrhundertwende produziert Franz Carl Achard im heutigen Berlin-Kaulsdorf den ersten Rübenzucker. Er pflanzt die Rüben in unterschiedliche Böden und untersucht den Einfluss der Sonne und des Regens auf die Bildung von Zucker. Seine wissenschaftlichen Analysen ergeben, dass die weiße Rübe den meisten Zucker enthält. Mit einem Darlehen, das ihm der preußische König gewährt, kauft Achard das Gut Cunern in Niederschlesien. Dort entsteht 1801 die erste Rübenzuckerfabrik der Welt.
1806 - Rübenzuckerindustrie
1806 erlässt Napoleon I. die "Kontinentalsperre". Jeglicher Handel mit England wird untersagt und den britischen Schiffen verboten, Häfen des Kontinents anzulaufen. Dieses Edikt fördert maßgeblich die Anfänge der Rübenzuckergewinnung in Europa, da es den Kontinent vom Kolonialzucker abschneidet. Die Rübenzuckerindustrie entsteht. Zucker, vormals nur etwas für Begüterte, ist von nun an für jedermann erschwinglich.
1850 - Besteuerung der Zuckerrüben
Der Markt für Rübenzucker boomt. Überall in Deutschland entstehen Zuckerfabriken. Rübenzüchtern gelingt es, den Zuckergehalt der Rüben deutlich zu steigern. Auch in Anbau und Produktion gibt es Fortschritte. Der Absatz steigt, ebenso der Zuckerverbrauch der Bevölkerung. Ein gutes Geschäft für den Fiskus: Zwar sinken die Staatseinnahmen, die man bisher mit Zöllen auf importierten Rohrzucker kassierte. Dafür werden die Rüben, später auch der Rübenzucker besteuert.
1874 - Deutscher Exportschlager
Zucker wird zu einem deutschen Exportschlager. Über den Hamburger Hafen werden 12.000 Tonnen Zucker exportiert; zwölf Jahre später sind es bereits 660.000 Tonnen. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich der Zucker aus Rüben zu einem starken Konkurrenten für den Zucker aus Rohr entwickelt. Hamburg, über 200 Jahre lang der wichtigste deutsche Einfuhrhafen für Kolonialzucker, ist nun Exporthafen für Rübenzucker.
1901 - Erstes Frauenstudium für die Zuckerindustrie
1901 initiiert der Direktor des Berliner Instituts für Zuckerindustrie, Alexander Herzfeld, den "I. Damenkursus zur Ausbildung von Zucker-Chemikerinnen", eine akademische Pionierleistung: Es handelt sich nämlich um den Beginn des ersten planmäßigen Frauenstudiums in Berlin. Teilnehmerinnen, die den Kurs mindestens mit dem Prädikat "gut" abschließen, können sich danach in einem dreisemestrigen Zusatzstudium zur "Zuckerfabrik-Betriebschemikerin" weiterbilden lassen.
1945 - Zuckerkarten als Zahlungsmittel
Was wäre die Welt ohne Zucker? Diese Frage gewinnt in den Not- und Hungerjahren während und nach den beiden Weltkriegen alltägliche Bedeutung. Zuckerkarten sind ein begehrtes Zahlungsmittel. Viele, die keine haben, scheuen nicht die Mühe und kochen und pressen den begehrten Zuckersirup eigenhändig aus den Rüben. Zehntausende rettet der selbst gekochte und gehamsterte Sirup vor dem Verhungern. Heute schätzen Liebhaber das "Rübenkraut" als Brotaufstrich.
1960 - Das Ende der Zuckerrationierung
In Ost und West sind die Jahre der Zuckerrationierung vorüber: Endlich können sich die Deutschen ihren Appetit auf süße Leckereien wieder leisten. In der Bundesrepublik wird erstmals wieder mehr Zucker erzeugt als verbraucht. Infolge der Teilung Deutschlands hatte die Eigenproduktion des süßen Nährstoffs im Westen jahrelang nicht ausgereicht, um die Bevölkerung zu ernähren. Deshalb wurden große Mengen Rohrzucker aus Kuba eingeführt. Von dort importiert auch die DDR bis 1990 jährlich rund 200.000 Tonnen Zucker - aus politischen Gründen.
Heute - Zucker in allen Lebenslagen
Heute umfasst die Weltzuckerproduktion über 130 Mio. Tonnen im Jahr. Rund ein Drittel davon wird aus Zuckerrüben gewonnen. Aber nicht nur in Europa, auch in vielen Gebieten Afrikas, Asiens, Nord- und Südamerikas hat die Rübenzuckerfabrikation Fuß gefasst. Im wiedervereinigten Deutschland verarbeiten mehr als 30 Zuckerfabriken jedes Jahr rund 25 Mio. Tonnen Rüben zu rund vier Mio. Tonnen Zucker. Mehr als ein Viertel des süßen Rohstoffs wird exportiert. Der weitaus größte Teil kommt in Form von Schokolade, Erfrischungsgetränken und anderen "süßen" Lebensmitteln in die Kaufregale. Ohne Zucker wäre die vollwertige Ernährung der Weltbevölkerung bis heute nicht möglich.
